„Faust: Ein Fragment“ – Theaterrezension

In Reinhard Göbers moderner Inszenierung des Klassikers „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe im Theater Vorpommern verfolgt der Zuschauer auf neue Weise das tragische Leben der jungen Margarethe voller Schicksalsschläge und doch ohne Kitsch und Dramatik.

Besetzung

Faust – Alexander Zieglarski

Mephistopheles – Julius Weigel

Margarethe – Anne Greis

Marthe – Claudia Lüftenegger

Inhalt:

In Faust 1 trifft der verzweifelte Gelehrte, Faust, mitten in seiner Midlifecrisis auf den Teufel, der ihm anbietet, ihm auf der Erde zu dienen und ihm die schönen Seiten des einfachen Menschenlebens zu zeigen, wenn Faust sich ihm in der Unterwelt unterwirft. All das basiert auf einer Wette des Teufels mit dem allmächtigen Gott. Was hat Faust schon zu verlieren? Er willigt ein und trifft tatsächlich bald darauf auf seine große Liebe, Margarethe, kurz Gretchen. Mit der Hilfe Mephistos schafft er es, das junge, fromme Gretchen zu verführen. Sie gibt sich ihm völlig hin und begeht selbst Todsünden für ihn. Auch zwischen ihrer Freundin Marthe und dem Teufel funkt es. Faust 1 endet dramatisch im Kerker, in dem Gretchen auf ihre Hinrichtung nach der unehelichen Schwangerschaft, dem Mord an ihrem Baby und ihrer Mutter und dem Verschulden des Todes ihres Bruders, Valentin, wartet.

Und hier?

Doch in „Faust. Ein Fragment“ ist von Mord, Wahnsinn, Gottesglaube und kitschigen Liebesversen keine Spur. Musik, Licht und Bühnenbild wurden schlicht und gekonnt eingesetzt – „Faust. Ein Fragment“ vermittelte auf eigene Art seine Botschaften. Nicht nur die großartigen, orientalischen Gewänder der Frauen und die farbenfrohen Kostüme der Herren, sondern auch der lockere Umgangston macht dieses Stück für junge Zuschauer attraktiv. Die zwei Gesichter Gretchens wurden erfolgreich dargestellt – die gehorsame, kopftuchtragende Tochter, deren Mutter den Schmuck des Liebhabers sofort an Bedürftige spendet und das verspielte, lustige, frisch verliebte Mädchen, das in jeder freien Minute über ihre geheime Männerbekanntschaft mit ihrer Freundin, Marthe, schnattert und kichert. Die Schmetterlinge der beiden Frauen flattern förmlich durch den Theatersaal und doch wird es nie kitschig. Faust selbst wird als verjüngter Mann, der zwar alles studiert hat, aber es jetzt mit dem jungen Gretchen noch einmal wissen möchte und das Leben genießt, eher in den Hintergrund gestellt. Mephisto wird kumpelhaft und gelassen in einer knallengen Jeans, roter Strickjacke und ohne Teufelshörnchen dargestellt, Faust und die Menschheit belächelnd. Wie ein paar Studentenkumpel wirken Mephisto und Faust. Mit Mephistos Erfahrung und Tipps gewinnt Faust Gretchen für sich.

Die ganze Handlung wurde gekürzt und modernisiert – Staubsauger tönten, SMS’s wurden getippt und heiße Küsse ausgetauscht, statt dramatischer Hinrichtung wurde hier nur eine Gurke geschnitten, kein Mord, kein Gespräch mit Gott. Textstellen aus Goethes Original wurden mit Jugendsprache gemischt. Tragik, Wahnsinn, Tod und Glaube wurden weitestgehend umgangen.

Stattdessen rückten das spritzige junge Leben, neue Liebe und etwas zu viel Sex für Goethe in den Vordergrund. Was man nun von weniger Belehrung und mehr Spaß im Theater halten mag, ist jedem selbst überlassen. Das junge Publikum ist erleichtert, während die Damen mit Federboa und Samtkleid die Nase rümpfen.

H. Freymuth

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